Prof. Dr. Rita Süssmuth

„Meine Entscheidung für die Politik – Notwendige Veränderungen durchsetzen"

Ich habe mich für die aktive Politik entschieden, weil es mich drängte, meine über Jahre gewonnenen Erkenntnisse in der Familien-, Frauen- und Kinderforschung politisch umzusetzen. Der Nachholbedarf erschien mir offenkundig, so dass Handeln nicht nur notwendig, sondern auch in der CDU mehr als überfällig war.

Durch mein Engagement in der Frauenforschung und -politik erfuhr ich, was Ausgrenzung, Geringschätzung und Diskriminierung bedeuten. Vermeidung von Ausgrenzung und Isolation – meine politische Schlüsselerfahrung im Kampf gegen Aids wurde für mich zur politischen Maxime im Umgang mit Minderheiten und „Randgruppen".

Meine Überzeugungen waren geprägt von der christlichen Soziallehre und einem Grundvertrauen in die Lern- und Verantwortungsfähigkeit des Menschen,  trotz aller Abgründe an Machtegoismus sowie physischer und psychischer Zerstörungsaktivität.

Was die Menschen auszeichnet sind ihre Potenziale. Der einseitige Blick auf die Defizite wirkt schwächend, nicht stärkend. Ich bin im Verlauf meines Lebens immer weniger bereit, mich mit Verhältnissen und Beurteilungen abzufinden, die ich als diskriminierend und ungerecht erfahre.

Ziel aller Bemühungen muss sein, Menschen stark zu machen für Eigenverantwortung und Solidarität und sie dabei nicht allein zu lassen.

Menschen ernst nehmen und wertzuschätzen, erfordert Freiheit und Führung, Vertrauen und Zutrauen, kooperative Lösung von Problemen und Konflikten, mehr Dialog als unverständliche Information und nicht zuletzt Mut zu notwendigen Reformentscheidungen.

Der Wille zu Veränderungen muss oft mühsam und mit Leidenschaft, auch mit dem Risiko zu scheitern, gestiftet und durchgesetzt werden.

Beunruhigend ist das Auseinanderbrechen unserer Gesellschaft in Gewinner und Verlierer, in Arme und Reiche. Zu viele Menschen fühlen sich überfordert. Sie scheitern beim Versuch die beschleunigten Veränderungen zu begreifen und zu verstehen. Sie entwickeln Zukunftsängste und Apathie.

Wir brauchen dringend eine Politik, die sich an den  lebenswichtigen Bedürfnissen und Möglichkeiten der Menschen ausrichtet. Es fehlt an verstehbarer Information und Erklärung sowie an aktiver Mitwirkung an gesellschaftlichen Aufgaben. Politische Arbeit ist verbunden mit Widerständen, Erfolge und Scheitern. Wer verändern will, für den ist es wichtig, zu lernen, mit beidem umzugehen. Das bedeutet, nach Niederlagen wieder aufzustehen und Weiterzumachen. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.


Ihre Rita Süssmuth