Prof. Dr. Rita Süssmuth

„Gesellschaftliche Sprengkraft der Emanzipation – nach wie vor ungelöste Probleme gleichberechtigten Zusammenlebens"

Frauenpolitik

Am 26. September 1985 trat ich mein Ministeramt im Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit an. Ich verließ das Forschungsinstitut „Frau und Gesellschaft" in Hannover, das ich dort drei Jahre erfolgreich für die Frauen geleitet hatte.

Es begann ein Crash-Kurs in der Politik, wobei sich die Akzeptanz für meine frauen- und familienpolitischen Positionen in Grenzen hielt. Vereinbarkeit von Familie und Beruf, das hieß noch für viele Frauen, Familie ODER Beruf. Im günstigsten Fall bedeutete es Berufsunterbrechung und späterer Widereinstig, meistens in Teilzeitbeschäftigung. Von Wahlfreiheit der Frauen konnte nicht die Rede sein. Heftigst umstritten war die familienergänzende Frühförderung und Betreuung. Bis zum dritten Lebensjahr gehört das Kind zur Mutter, alles andere galt als schädigend.

Die Durchsetzung der im Grundgesetz verankerten Gleichberechtigung ist Schritt für Schritt in Jahrzehnten erkämpft worden und immer noch nicht gesichert. Viel wurde erreicht, aber wir sind nicht am Ziel.
Die in Familie geleistete Erziehungs- und Pflegearbeit führte nicht zur sozialen Absicherung. Die Erwerbsarbeit ist heute nicht nur ein Recht, sondern Pflicht und immer häufiger wirtschaftliche Notwendigkeit. Millionen von Frauen arbeiten in geringfügiger Beschäftigung ohne Kranken- und Sozialversicherung. Der Wandel der Männerrolle hat begonnen, braucht aber noch erheblich Zeit.

Der Rollenwandel der Frauen kommt einer gesellschaftlichen Revolution gleich. Wir haben es zugleich mit Emanzipation und Überlastung, mit Identifikationskonflikten zu tun. Wir haben viel Zeit verloren, da der ideologische Streit Vorrang vor pragmatischen, problemlösenden Maßnahmen hat. Die anhaltende Auseinandersetzung beim Thema „Frauen in Führungspositionen" belegt das erneut. Die Devise muss lauten: Das schulden wir uns selbst und allen, die gleichberechtigt, stärker selbstbestimmt und in Sorge füreinander leben wollen.

Dafür habe ich in den Jahren 1986 bis 2001 als Ministerin, als Abgeordnete und Vorsitzende der Frauen-Union der CDU gekämpft und engagiere mich weiterhin.

Verweise: